Fahrbericht: Honda CRF 1100L Africa Twin Adventure Sports - Fast zu schade für Afrika

Die neue Honda Africa Twin Adventure Sports präsentiert sich als wunderbar ausgewogenes, zugängliches und hochkomfortables Fernreise-Motorrad.

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Honda hat die CRF1100L Africa Twin Adventure Sports neu und mehr auf Reise ausgerichtet Foto: Honda

Honda hat die CRF1100L Africa Twin Adventure Sports neu und mehr auf Reise ausgerichtet. So bietet die 2024er Version mehr Komfort, ein stärker am primären Asphalteinsatz orientiertes Fahrwerk und ein umfängliches Angebot an Gepäcklösungen.

Der erste Eindruck ist Einschüchterung pur: Was für ein Koloss auf zwei Rädern! Und angesichts der 15 Knöpfe, Tasten und Wippen allein am linken Lenkerende (!) fragt sich der Betrachter unwillkürlich, ob einer davon auch für ,,Fahrfreude" zuständig ist. Doch schon nach wenig mehr als zehn Kilometern auf kurvigen Straßen im portugiesischen Hügelland nördlich der Algarve-Küste offenbart die Adventure Sports, dass es für Fahrfreude keiner Taste bedarf - sie ist fest eingebaut und kann deshalb auch nicht deaktiviert werden. Egal ob bei der Kurvenhatz, beim Überholen, beim entspannten Kurvenswing oder auf der Autobahn über Land - die Africa Twin mit dem neuen, nur 19 Zoll großen Vorderrad legt eine beeindruckende Souveränität an den Tag.

Der 1.084 ccm große Reihenzweizylinder entpuppt sich dabei als großartiger Motorradmotor: Er gibt sich gleichermaßen drehwillig wie durchzugsstark und schlägt das nominell gleichstarke Vormodell (75 kW/102 PS) klar. Im mittleren Drehzahlbereich steht dank sorgfältiger Feinarbeit der Motorenentwickler fühlbar mehr ,,Schmalz" zur Verfügung. 112 Nm maximal stellen in der Reiseenduro-Szene zwar keinen Rekordwert dar, doch in Verbindung mit der gelungenen Übersetzung und dem perfekt schaltbaren Sechsganggetriebe kann man damit bestens leben.

Nochmals besser lebt sich's, wenn man die DCT-Version pilotiert; sie weist statt des manuell und optional auch mit Quickshifter perfekt schaltbaren Sechsganggetriebes ein nicht minder perfektes Doppelkupplungsgetriebe auf. Dessen Steuerung ist inzwischen dermaßen ausgeklügelt, dass der jederzeit mögliche manuelle Eingriff per Lenkerdrucktaster wirklich nur noch in Ausnahmefällen hilfreich erscheint. Wie von Zauberhand steht so gut wie immer die passende Übersetzung zur Verfügung. Kein Wunder, dass die Ausrüstungsquote sich bei diesem Modell mittlerweile der Zweidrittelmarke nähert. Dass das fahrfertige Leergewicht mit DCT um zehn Kilogramm auf dann 253 Kilo steigt, ist im normalen Leben ohne Bedeutung: Die Adventure Sports ist im Segment der großen Reiseenduros mit oder ohne DCT gewichtstechnisch unauffällig unterwegs. Ihr Fahrer dafür aber auffällig entspannt.

Ebenfalls auffällig ist angesichts der beträchtlichen Federwege die relativ geringe Sitzhöhe von nur 85,5 Zentimetern in der höheren der beiden möglichen Positionen; auch 83,5 Zentimeter sind mit der Seriensitzbank möglich; ein ,,tiefer" Extrasitz realisiert sogar 79,5 bzw. 81,5 Zentimeter. Der Sitz ist bestens gepolstert, fällt recht breit aus und gehört damit zu den besten Polstern im Segment.

Ebenso auffällig wie die sparsame Sitzhöhe ist die sehr gute Ergonomie dieser Honda: Lenkerbreite, Rasten-Positionierung, Knieschluss am Tank - Honda gehörte noch nie zu den Marken, die sich mit suboptimalen Lösungen zufriedengeben. Keine Entsprechung fand der Perfektionsdrang der Honda-Leute offenbar beim Hersteller der Kunststoff-Zubehörkoffer: Die Deckel wiesen beträchtliche Spaltmaße auf, was grundsätzlich unschön ist und an diesem 20.000 Euro-Bike erst recht unpassend wirkte. Die schön gefertigten Alu-Boxen stehen wegen ihrer Rohrträger-Befestigung etwas weiter ab und verbreitern so die eigentlich recht schlanke Africa Twin.

Unauffällig im besten Sinne gibt sich das Fahrwerk dieser zwar primär auf Asphalt ausgelegten, aber auch auf nicht asphaltierten Strecken gut brauchbaren Honda. Unauffällig deshalb, weil es exzellent abgestimmt ist und die in der Adventure Sports serienmäßige elektronische Regelung der semiaktiv gesteuerten Showa-Komponenten ausgezeichnet funktioniert. So gibt sich die Africa Twin Adventure Sports einerseits straff, aber zugleich ausgeglichen-komfortabel. Die Federwege sind mit 20 Zentimetern reichlich, die Bodenfreiheit ebenso. Wer tatsächlich zu einer Weltreise startet, darf sich gut gerüstet fühlen.

Längst ist die Africa Twin, bei ihrem Wiedererscheinen 2016 nach 15jähriger Baupause elektronisch bewusst sparsam ausgestattet, zur totalen Elektronisierung bekehrt worden. Die IMU der allerneuesten Generation erfasst sämtliche Fahrwerksdaten und versorgt die Motor-, Fahrwerks-, DCT- und Bremsensteuerung mit allen relevanten Signalen, dazu kommen Notbremslicht, adaptives Kurvenlicht, Tempomat, eine vorzügliche automatische Blinkerrückstellung - und erstmals bei Honda sogar ein als Touchscreen ausgeführtes TFT-Display. Es ist proppenvoll mit Informationen, aber dank zurückhaltender Grafik dennoch gut ablesbar. Bei angeschlossenem Smartphone und aktivierter Routenführung mutiert das 6,5-Zoll-Display zum Navi mit Kartendarstellung; die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Informationen sind in einem kleinen, knapp darunter montierten Monochrom-LCD weiterhin sichtbar.

Für jene, die gerne ,,Einmal Alles" um sich haben, bleiben bei der Adventure Sports mit Ausnahme der neuerdings von Bosch und Conti angebotenen radarbasierten Regelsysteme keinerlei Wünsche unerfüllt. Dass der Windschild aus dem neuen Material ,,Durabio" nur zweihändig in fünf Positionen verstellbar ist, begründet Honda mit Gewichts- und Sicherheitsgründen. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Der Windschutz ist jedenfalls gut, aber nicht Spitze. Das ist zum Glück die Fahrstabilität: ein kurzer Highspeed-Test ergab trotz eines sehr voluminösen Topcase auch bei 200 km/h keinerlei Auffälligkeiten.

Die Honda Africa Twin Adventure Sports reiht sich würdig ein unter die vielen Hondas, die für ihre Kultiviertheit und ihre ,,Rundheit" geschätzt werden. Früher gab's mal den wertschätzenden Slogan ,,It's a Honda". Der gilt auch für die CRF1100L Africa Twin Adventure Sports, und zwar uneingeschränkt.



Honda CRF1100L Africa Twin Adventure Sports - Technische Daten:

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Reihenmotor, 4 Ventile/Zylinder, OHC, 1.084 ccm Hubraum, 75 kW/102 PS bei 7.500 U/min., 112 Nm bei 5.500 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kette

Fahrwerk: Stahlrahmen aus Rohren und Blechprofilen mit Alu-Heckrahmen; vorne 45mm-USD-Gabel (Showa) mit semiaktiver EERA-Regelung, 21 cm Federweg; hinten Aluminiumguss-Zweiarmschwinge mit Showa EERA-Zentralfederbein, Vorspannung elektronisch einstellbar, 20 cm Federweg; Leichtmetalguss-Felgen mit Stahlspeichen; Reifen 110/80 R19 (vorne) und 150/70 R 18 (hinten). 31 cm Doppelscheibenbremse vorne, 25,6 cm Einscheibenbremse hinten

Assistenzsysteme: volllintegrales, abschaltbares ABS mit Schräglagenfunktionen, dynamische, schräglagenoptimierte Traktionskontrolle, Wheeliekontrolle, sechs Fahrmodi, LED-Scheinwerfer, Temporegelung, automat. Blinkerrückstellung, Notbremslicht, Antihopping-Kupplung [a.W. Schaltassistent] 

Maße und Gewichte: Radstand 1,570 m, Sitzhöhe 85,5 cm, Gewicht fahrfertig 243 (DCT: 253) kg; Tankinhalt 24,8 l

Fahrleistungen: 0-100 km/h ca. 4 s, Höchstgeschwindigkeit über 200 km/h. Normverbrauch lt. EU5 4,9 l/100 km

Farben: Schwarz oder Tricolor (300 Euro Aufpreis)

Preis: ab 18.450 (DCT ab 19.450) Euro

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