Fahrbericht: Royal Enfield Interceptor 650 - Klassisch statt retro

Die indische Motorradmarke Royal Enfield ist derzeit im Umbruch: Mit Hochdruck werden zahlreiche neue Modelle entwickelt. Es gibt aber noch Traditionelles im Programm, zum Beispiel den Allrounder Interceptor 650

11Fahrbericht: Royal Enfield Interceptor 650 - Klassisch statt retro
Seit 2018 bietet Royal Enfield die Interceptor 650, die mit ansprechenden Fahrleistungen, stimmiger Verarbeitungsqualität und einer gelungenen Optik gefällt Foto: fbn

Das ,,Gestern" ist bei Motorradfahrern nach wie vor beliebt; ein Ende der schon seit Jahren andauernden Retro-Welle ist nach wie vor nicht in Sicht. Doch wirklich klassische Motorräder als Neufahrzeuge sind eine Seltenheit. Royal Enfield aus Indien, zugleich ältester noch produzierender Motorradhersteller wie auch ein Großer der Szene, kultiviert diese Nische. Seit 2018 im Programm, bietet die auch für den Führerschein A2 taugliche Interceptor 650 durchaus ansprechende Fahrleistungen bei einer sehr stimmigen Verarbeitungsqualität und einer gelungenen Optik. Mit 7.290 Euro liegt ihr aktueller Preis auf einem angemessenen Niveau.

Wer lediglich die einzylindrigen 350er-Bikes von Royal Enfield kennt, ist von der zweizylindrigen Interceptor 650 beeindruckt: Das öl-/luftgekühlte Triebwerk läuft seidenweich und nimmt sehr gesittet Gas an, der Sound aus den beiden verchromten Endschalldämpfern klingt dank 270 Grad Hubzapfenversatz der Kurbelwelle genau so, wie es sich für ein Klassikmotorrad gehört. Schwierigkeiten wegen der Lärmentwicklung in irgendwelchen Alpengegenden sollte es dank lediglich 89 dB(A) Schalldruck nicht geben. Trotz ihres Namens ,,Abfangjäger" stellt die Interceptor 650 ganz und gar keine Waffe dar; vielmehr ist sie ein harmonisch fahrbares, unaufgeregtes, aber dabei überhaupt nicht langweiliges oder gar lahmes Motorrad. Beim Höchsttempo von 170 km/h dreht der Motor mit knapp über 7.000/min. voll aus, ohne dass üble Vibrationen spürbar sind. Im Normalbetrieb hält man sich zumeist in mittleren und niedrigen Drehzahlbereichen auf, in denen der Paralleltwin eine überaus angenehme Motorisierung darstellt.

Wenn's mal wirklich auf der Autobahn pressiert, ist auch schnelles Fahren möglich: 170 km/h sind drin, die Fahrstabilität ist auch bei Tempi jenseits der 140 km/h gut. Domäne der unverkleideten Interceptor sind aber nicht Autobahnen, sondern Landstraßen. Diese dürfen gerne auch kurvig sein, denn die 650er gehört zu den handlichen Motorrädern, lässt sich leicht in Schräglage bringen und hält diese im Kurvenverlauf auch stabil. Getrübt wird das Fahrvergnügen lediglich dann, wenn die Straßen nicht nur kurvig, sondern von schlechter Asphaltbeschaffenheit sind, denn dann wird die Fuhre unruhig, die Fahrstabilität ist dahin. In solchen Situationen hilft das erprobte Rezept ,,Tempo raus", ganz so, wie man's auch früher hielt. Die einzelne Bremsscheibe an der Front ist gut dosierbar, zusammen mit der Scheibenbremse hinten ergibt sich eine gute Bremswirkung, wobei sich das Bosch-ABS im Notfall als Sicherheitsfallschirm bewährt.

Wie für ein bodenständiges Motorrad nicht anders zu erwarten, ist die Zahl der elektronischen Bauteile so gering, wie es die Zulassungsvorschriften eben noch erlauben: Benzineinspritzung, ABS - das war's auch schon. Ein ganz konventionelles Zünd- und Lenkschloss, Blinkerrückstellung per Knöpfchen, keinerlei Anzeigen für Spritverbrauch (4 bis 4,2 Liter pro 100 Kilometer), Durchschnittstempo oder auch die Uhrzeit. Die Interceptor ist, so gesehen, eine Fahrmaschine, ein absolut pures Motorrad. Dazu passen auch die zwei Rundinstrumente im Cockpit; Anzeigen für Geschwindigkeit und Drehzahl sowie für den Spritvorrat und die gefahrenen Kilometer müssen genügen.  Einzig eine USB-Buchse als Tribut an die Jetzt-Zeit findet sich im Cockpit. Mit 217 Kilogramm ist die Interceptor aufgrund ihres robusten Rahmens und ihres kräftigen Motorgehäuses kein Leichtgewicht, aber die Pfunde sind gut austariert, sie stören auch beim Rangieren nicht wirklich.

Die maßvolle Sitzbankhöhe und die großzügigen Sitzbankmaße bieten in Verbindung mit den gut platzierten Fußrasten eine für Durchschnittsmenschen als angenehm empfundene Sitzposition, zumal auch die Lenkerbreite und -höhe passen. Die Polsterung des Sitzes wird allerdings von manchem als zu hart empfunden. Keinerlei Kritik gibt es dagegen bei den Rückspiegeln.

Viele Händler bieten inzwischen alternativ höherwertige Komponenten an und offerieren auch reichlich Zubehör. Denn selbstredend sind viele der Royal-Enfield-Besitzer nicht nur Alltags- und Freizeit-, sondern auch Urlaubsfahrer. Da können ein Windschild, ein Alu-Ölwannenschutz oder ein stählerner Motorschutzbügel sehr sinnvolle Accessoires sein. 25 Zubehörpositionen weist die deutsche Website der Inder für die Interceptor auf. Auch wenn sie höchst traditionelle, im besten Sinne klassische Motorräder bauen: Hinter dem Mond leben die indischen Motorradbauer schon lange nicht mehr.

Und deshalb hat Royal Enfield für das kommende Modelljahr bereits ein paar kleine Änderungen bekanntgegeben; sie sollen voraussichtlich ab November wirksam werden. Dann wird der H4-Scheinwerfer durch einen ebenfalls runden LED-Scheinwerfer ersetzt, die bisherigen Lenkerhebeleien werden von neu gestalteten Einheiten abgelöst und auch die Sitzbank erfährt leichte Modifikationen. All dies kann man haben, muss aber nicht, denn dafür wird auch der Preis um 400 Euro angehoben werden. Alles andere bleibt unverändert. Und das ist gut so.



Royal Enfield Interceptor 650 - Technische Daten:

Motor: Luft-/ölgekühlter Zweizylinder-Paralleltwin, vier Ventile pro Zylinder, SOHC, Benzineinspritzung, Hubraum 648 ccm, Leistung 34,9 kW/47 PS bei 7.250 U/min., max. Drehmoment 52,3 Nm bei 5.150/min., Standgeräusch 89 dB(A), Ausgleichswelle, 6 Gänge, Kette

Fahrwerk: Doppelschleifen-Stahlrahmen, vorne Telegabel ø 4,1 cm, Federweg 11 Zentimeter; hinten Stahl-Kastenschwinge, zwei Federbeine mit Gasdruckreservoir (Vorspannung 6-fach einstellbar), Federweg 8,8 Zentimeter; vorne Einscheibenbremse ø 32 cm mit Zweikolbenbremszangen; hinten Einzelscheibe ø 24 cm mit Einkolbenbremszange; Speichenräder; Reifen Ceat Zoom vorne 100/90-18, Reifen hinten 130/70-18

Assistenzsystem: Zweikanal-ABS

Maße und Gewichte: Radstand 1,398 m, Sitzhöhe 80,5 cm, Bodenfreiheit 17,4 cm, Gewicht fahrfertig vollgetankt 217 kg, zul. Gesamtgewicht 400 kg; Tank 13,7 Liter

Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 170 km/h, Normverbrauch 4,2 Liter/100 km

Wartung und Garantie: Erster Service nach 1.000 km, dann alle 5.000 km.

Ölwechsel alle 10.000 km. Drei Jahre Garantie

Farben: Chrom plus 6 weitere

Preis: ab 7.290 Euro inkl. Liefernebenkosten

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