Fahrbericht: Yamaha MT-10 - Kompakte Kanonenkugel

Für Menschen, die sich ziemlich ungeschützt Wind und Wetter aussetzen und dabei auch noch schnell bewegt werden wollen, sind Nakes Bikes die perfekten Fortbewegungsmittel. Eigentlich braucht man dazu keine überbordene Leistung, es ist aber schön, wenn sie trotzdem da ist, wie beim Yamaha Top-Model in dieser Disziplin.

Für Yamaha spielt die MT-Baureihe der unverkleideten Landstraßenroadster, im Firmenjargon Hyper Naked genannt, eine wesentliche Rolle: Fast die Hälfte aller verkauften Yamahas (47 Prozent) zählen zu dieser Gattung. Oberhaupt der vielköpfigen Familie, die mit der MT-125 bei den Leichtkrafträdern beginnt, ist die MT-10, die sich vom Supersport-Flaggschiff YZF-R1 ableitet und für 2022 kräftig überarbeitet wurde.

Das beginnt schon bei der polarisierenden Optik, seit jeher einem Erkennungsmerkmal der MT-10, die die Betrachter in zwei Gruppen teilt: diejenigen, die von der insektenartigen Front angezogen werden, und diejenigen, die das Aussehen rundweg ablehnen. In jedem Fall ist die MT-10 kein optisch eingängiges Motorrad ist, das den Mainstream bedient. Selbst wenn die Front mit den schmalen LED-Projektionsscheinwerfern und den weit abstehenden Ansaugnüstern durch das darüber liegende LED-Tagfahrlicht im Augenbrauen-Stil nicht mehr ganz so alienhaft daherkommt.

Auch die akustische Außenwirkung hat abgenommen, obwohl der Crossplane-Vierzylinder mit 90-Grad-Hubzapfenversatz nochmals leistungsstärker geraten ist. Der in seinen Grundzügen vom Supersportler R1 abstammende Triebsatz wurde über eine neue Schalldämpferanlage - die übrigens aus Titan gefertigt ist - und einen renovierten Ansaugtrakt domestiziert, und dennoch hört und spürt der Fahrer den Ansaugsound noch stärker: zwei Öffnungen oben auf dem Tank sorgen dafür, dass er das spektakuläre Soundspektrum im landstraßenrelevanten Bereich von 4.000 bis 8.000 Touren fast für sich allein hat.

Verglichen mit dem Hochleistungsmotor der R1 zeigt sich das Triebwerk mit mehr Schwungmasse und weiteren Modifikationen rundum einsatzgemäß aufbereitet, denn statt der spitzen Leistungscharakteristik des Supersportlers punktet er in nahezu jedem Drehzahlbereich mit linearer Leistungsentfaltung. Das Leben auf der Landstraße leichter macht zudem der nun serienmäßige Blipper durch kupplungsloses Rauf- und Runterschalten im nicht ganz geschmeidigen Sechsganggetriebe und lässt ein wenig darüber hinwegsehen, dass der Kupplungshebel nicht einstellbar ist. Gegenüber dem Vorjahresmodell legt der MT-Treibsatz nochmal um 6 PS zu: 166 PS liegen bei 11.500 U/min an, der Drehmomentgipfel von 112 Newtonmeter ist bei 9.000 Touren erreicht.

Wie diese Kraft zum Einsatz kommt, entscheidet der Fahrer über vier vom linken Lenker anwählbare Fahrmodi, die dank der Integration eines Schräglagensensors einen wesentlich größeren Funktionsumfang erhalten haben und der Fahrbarkeit zugutekommen. Dass die Fahrmodi nur im Stand umschaltbar sind, irritiert, wird aber von den Feintuning-Möglichkeiten während der Fahrt ausgeglichen: Über eine schnelle Tastenkombination lassen sich das Ansprechverhalten des Motors vierfach, die Schräglagen-Traktionskontrolle fünffach und die Slidekontrolle beim Herausbeschleunigen aus der Kurve dreifach variieren. Per Eingriff ins Menü, nur stehend über das unpraktische Drück- und Drehrad am rechten Lenkerende möglich, lassen sich der Eingriff der Wheeliekontrolle und neuerdings das Motorbremsmoment individualisieren.

Apropos Menü: Der Pilot bekommt die Fahr- und Einstellungsinformationen neuerdings bestens ablesbar präsentiert durch ein 4,2 Zoll großes Farb-TFT-Display. Das wirkt zwar nicht sonderlich groß, bietet seine Anzeigen aber scharf und klar ablesbar dar. Außerdem gibt es neben dem Landstraßenlayout noch einen reduzierten Track-Modus, der nur die wesentlichen Parameter fürs schnelle Fahren offeriert. Gemeinsam mit dem neuen Instrument halten ein Tempomat sowie ein Speed Limiter Einzug, die über zwei schnelle Tastendrücke aktiviert und programmiert sind.

Mit dem Gebotenen kommt das Fahrwerk fast spielerisch zurecht, was nicht wundert, sind die Ähnlichkeiten zum Supersportler R1 noch enger als beim Antrieb. Vom Leichtmetall-Brückenrahmen über die voll einstellbaren KYB-Federelemente - hinten sogar in High und Low für die Druckstufendämpfung - reicht das Arsenal. Auf kurvigen Landstraßen fühlen sich die MT-10 und ihr Fahrer gut aufgehoben. Besonders handlich ist der Kraftprotz zwar nicht und verlangt zum Einlenken nach etwas Körpereinsatz, doch die neuen Bridgestone S22-Serienreifen sorgen für eine angenehme Neutralität und liefern ein gutes Feedback.

Ein weiterer Fortschritt betrifft die Bremsen, die nun von einer Radialpumpe für die beiden Scheibenbremsen vorn profitieren. Mit klarem Druckpunkt und hoher Effizienz gebieten sie dem Treiben notfalls Einhalt. Nur das ABS könnte an der Hinterhand etwas zurückhaltender zu Werke gehen. Zur sportlichen Fahrweise passt die leicht überarbeitete Ergonomie bestens: Aufrecht, aber vorderradorientiert sitzt es sich bei fast langstreckentauglicher Ergonomie mit gutem Knieschluss, erwartungsgemäß hält sich der Schutz vor Wind und Wetter in engen Grenzen.

Auf der elektronischen Seite hat die MT-10 einen gewaltigen Schritt in Richtung Konkurrenz getan, auch der mittenerstarkte Motor und das feine Chassis sorgen für einen hohen Unterhaltungswert auf der Landstraße. Ausstattungsmäßig wirkt die 12-Volt-Bordsteckdose etwas in die Jahre gekommen, auch fehlt dem TFT-Display eine Möglichkeit, sich mit dem Smartphone zu verbinden. Insofern geht der gegenüber dem Vormodell um 1.500 Euro auf wettbewerbsfähige 15.449 Euro gestiegene Preis durchaus in Ordnung.



Technische Daten und Ausstattung Yamaha MT-10
Motor:  Flüssigkeitsgekühlter Reihenvierzylindermotor, 998 ccm Hubraum, 122 kW/166 PS bei 11.500 U/min, 112 Nm bei 9.000 U/min; vier Ventile/Zylinder, dohc, Einspritzung, Sechsganggetriebe, Kette
Fahrwerk: Leichtmetall-Brückenrahmen; vorne Upside-Down-Gabel Ø 4,3 cm, 12 cm Federweg, komplett einstellbar, hinten Zweiarmschwinge aus Leichtmetallguss, Zentralfederbein, komplett einstellbar, 12 cm Federweg; Leichtmetallgussfelgen; Reifen 120/70 ZR17 (vorne) und 190/55 ZR17 (hinten). Doppelscheibenbremse vorn 32 cm, radial angeschlagene Vierkolben-Festsättel, Einscheibenbremse hinten 22 cm, Zweikolben-Schwimmsattel.
Assistenzsysteme: drei Fahrmodi, Kurven-ABS, schräglagenfähige Traktionskontrolle, Wheelie-Kontrolle, Slide Kontrolle, Quickshifter
Maße und Gewichte: Radstand 1,405 m, Sitzhöhe 83,5 cm, Gewicht fahrfertig 212 kg; Tankinhalt 17 l
Fahrleistungen und Verbrauch: Höchstgeschwindigkeit 250 km/h, 6,8 l/100 km (Werksangabe)
Preis: 15.449 Euro

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