Norton Atlas und Atlas GT - Kurs auf neue Horizonte
SP-X/Solihull. Die Traditionsmarke Norton bereitet den Neustart mit zwei komplett neuen Modellfamilien vor. Neben
Bis ans Ende der Welt soll man mit der neuen Husqvarna Norden 901 - notfalls auch über Stock und Stein - fahren können, ohne auf wichtigen Komfort verzichten zu müssen, sagt der Hersteller. Der Auftakt war aufschlussreich.
Weiter in den Atlantik hinaus als zu den Azoren geht's innerhalb Europas nicht. Die zu Portugal gehörende Inselgruppe ist der vom europäischen Festland wohl am weitesten entfernt gelegene Außenposten. Hier zelebrierte die zu KTM gehörende, ursprünglich in Nordschweden gegründete Marke Husqvarna die Präsentation ihrer ersten Reiseenduro. Norden 901 heißt das Motorrad, dessen Prototyp auf der EICMA 2019 hohe Wellen geschlagen hatte. Jetzt beginnt die Produktion der Serienfahrzeuge. Optisch unterscheiden lediglich Details das Endprodukt vom Prototyp. Das technische Gerüst der Norden stammt von der vor Jahresfrist auf den Markt gekommenen KTM 890 Adventure R. Wirklich neu an der Husqvarna Norden ist demzufolge das Design des Motorrads, aber auch die Abstimmung der verwendeten Komponenten wurden teils stark verändert.
Mit einem Hubraum von 889 Kubikzentimetern und einer Maximalleistung von 77 kW/105 PS ist der Norden-Paralleltwin in allen Details identisch mit dem KTM-Triebling. Es erstaunt also nicht, dass das Triebwerk sowohl besten Durchzug wie auch hohe Drehfreude liefert. 100 Nm maximales Drehmoment sichern souveräne Fahrleistungen. Angesichts dessen registriert der Fahrer schnell, dass noch mehr Leistung im praktischen Leben auf Land-, Berg- und zumeist tempobeschränkten Schnellstraßen angesichts des vorteilhaft geringen Gewichtes von 219 Kilogramm außer Überfluss nichts bringen würde. Auf nicht asphaltierten Straßen, Wegen und Pfaden ist das Leistungsangebot ohnehin dermaßen füllig, dass der Fahrer stets aus dem Vollen schöpfen kann. Prima, dass der Quickshifter zum kupplungslosen Schalten serienmäßig geliefert wird. Gangwechsel im Stehen und in kniffligen Offroad-Situationen fallen dadurch deutlich leichter.
Husqvarna verlässt sich voll und ganz auf das elektronische Regelwerk der Konzernmutter KTM und setzt auch auf ein prima ablesbares TFT-Display im Cockpit. Die Traktionskontrolle arbeitet in den beiden Straßenmodi ,,Street" und ,,Rain" schräglagenabhängig, das ABS verdaut selbst starke Schräglagen. Im Offorad-Modus erhält der Fahrer mehr Kompetenzen, die Systeme halten sich stärker zurück. Noch mehr Eingriffsmöglichkeiten gewährt der aufpreispflichtige ,,Explorer"-Modus dem Piloten; nur in ihm lässt sich beispielsweise die Traktionskontrolle in neun Stufen einstellen. Zugriff hat der Fahrer auch auf die ABS-Einstellung; eifriges Knöpfchendrücken links am Lenker ermöglicht beispielsweise den Wechsel zum Offroad-ABS, in dem der Regeleingriff am Vorderrad später erfolgt und das Hinterrad sogar frei blockieren darf. Wer freilich im Lauf des Tages mehrfach von Straße auf Offroad wechselt und jedes Mal die passende ABS-Einstellung parat haben will, ist gezwungen, entsprechend oft die Einstellungsprozedur zu absolvieren. Es ist nämlich unmöglich, das Offroad-ABS alleine mit dem Explorer- oder dem Offroad-Modus zu verknüpfen.
Ohne Elektronik kommt das Fahrwerk aus. Schon die Serieneinstellung gefällt, wer spezielle Wünsche an das Ansprechverhalten von Federung und Dämpfung hat, findet viele Möglichkeiten. 22 Zentimeter Federweg sind eine Menge, so dass auch grobes Geläuf mit anständigen Reserven absolviert werden kann. Der an den Flanken tief nach unten gezogene Tank trägt zum niedrigen Schwerpunkt der Maschine bei. Der gebotene Fahrkomfort ist dank einer softeren Fahrwerksabstimmung merklich höher als auf der KTM-Schwester.
Hilfreich auf solchem Untergrund sind natürlich auch die Raddimensionen: Das 21-Zoll-Speichenrad vorne ist schmal gehalten, das 18-Zoll-Hinterrad ebenfalls nicht überbreit. Die montierten Universalpneus überzeugen bei Trockenheit wie Nässe auf Asphalt als auch mit ihrem relativ groben Profil auf losem Untergrund. Lediglich die Seitenführung gerät auf Sand und Geröll oder im Schlamm schnell an ihre Grenzen. Für noch bessere Leistungen auf solchem Untergrund bedarf es aber der Montage von Spezialgummis. Der Höchstgeschwindigkeit der Norden 901 in Höhe von 200 km/h stehen die im Gelände bemerkenswert leistungsfähigen Reifen nicht im Wege, ein erstaunlicher Spagat.
Ebenfalls erstaunlich ist der Sitzkomfort: Das Sitzpolster ist nachgerade voluminös, die Sitzhöhe von 85 oder wahlweise auch 87 Zentimetern absolut angemessen. Man sitzt echt kommod. Weniger gut ist die Leistung des dunkel getönten Windschilds. Diesbezüglich könnten Zubehörlösungen hilfreich sein. Ansonsten ist die Ausstattung der Norden insgesamt gut, aber nicht ohne Widersprüche: So sind zwar die wichtigsten Lenkerschalter hinterleuchtet und auch die beiden Zusatzscheinwerfer sind serienmäßig, aber es gibt keine Warnblinkanlage. Die Sozius-Haltegriffe sind großzügig dimensioniert, es gibt einen Tempomat und zahlreiches Zubehör, auch Softbags und Alukoffer.
Der Anspruch der Entwickler war es, ein dynamisches, handliches und zugleich komfortables Reisemotorrad sowohl für weite Strecken auf als auch jenseits des Asphalts zu erschaffen. Das ist gelungen: Motorleistung, Fahreigenschaften und auch die Reichweite bremsen den Fahrer nicht ein. Als Normwert für den Verbrauch gibt der Hersteller 4,5 Liter pro 100 Kilometer an, im sehr fahraktiven Modus kamen wir nach 360 gefahrenen Kilometern laut Bordcomputer im Schnitt auf 4,7 Liter. Dank 19 Liter-Tank sind selbst unter diesen Umständen etwa 350 Kilometer ohne Nachtanken möglich.
Alles in allem: Wer ein robustes Motorrad mit Nehmerqualitäten sucht, vor der schwergewichtigen als auch leistungsmäßig extremen Oberklasse aber zurückscheut, findet nun eine weitere Alternative. Bislang hält sich der Vertrieb bei der Preisfindung noch bedeckt, aber die Komponenten sind hochwertig, die Ausstattung ebenfalls. Und die Produktion in Mitteleuropa will ebenfalls bezahlt sein. Das KTM-Schwestermodell kostet rund 14.300 Euro.
Technische Daten Husqvarna Norden 901
Motor: Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, vier Ventile pro Zylinder, DOHC, Hubraum 889 ccm, Leistung 77 kW/105 PS bei 8.000/min., max. Drehmoment 100 Nm bei 6.500/min., 6 Gänge, Kette
Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, vorne voll einstellbare WP-USD-Gabel, ø 4,3 Zentimeter, Federweg 22 Zentimeter; hinten Aluminium-Zweiarmschwinge mit einstellbarem WP-Zentralfederbein, Federweg 21,5 Zentimeter; vorne Doppelscheibenbremse ø 32 cm mit Vierkolbenbremszangen; hinten Einzelscheibe ø 26 cm mit Zweikolbenbremszange; Aluminium-Drahtspeichenräder; Reifen vorne 90/90 R 21, Reifen hinten 150/70 R 18
Maße und Gewichte: Radstand 1,513 m, Sitzhöhe 85,4/87,4 cm, Bodenfreiheit 25,2 cm, Gewicht fahrfertig vollgetankt 219 kg; Tank 19 Liter
Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit über 200 km/h, Verbrauch lt. WMTC-Norm 4,5 Liter/100 km.
Farbe: Schwarz
Preis: noch nicht bekannt
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