Test: Aprilia RS 660 - Kurvensuchgerät

Der italienische Hersteller Aprilia legt mit der RS 660 ein Mittelklasse-Motorrad auf. Als erstes kommt die Sportversion, doch ein Nakedbike und eine Enduro stehen schon in den Startlöchern.

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Beim Fahrwerk des RS 660 glänzt Aprilia, wie es sich für 54 Weltmeistertitel ziemt Foto: Aprilia/Thomas Maccabelli

Diesseits der ultrastarken Sportler hat Aprilia eine neue Mittelklasse kreiert.  Für die RS 660 halbierten die Ingenieure aus Kostengründen Elfhunderter-V4, gaben ihm aber 11,7 Millimeter mehr Hub mit auf den Weg. Aus 660 Kubikzentimetern Hubraum kitzelt Aprilia 74 kW/100 PS und 67 Nm Drehmoment, gepaart mit einem ansprechenden Drehzahlband. Besonders stolz sind die Italiener darauf, dass 80 Prozent des maximalen Drehmoments bereits bei 4000 U/min anliegen und 90 Prozent ab 6.250 U/min. Erst bei 11.500 U/min setzt der Drehzahlbegrenzer ein.

Aprilia startet seine neue Mittelklasse-Linie zwar mit dem Sportbike RS 660, aber die nackte Tuono 660 und die geländetaugliche Tuareg 660 nähern sich ihrer Fertigstellung. Kommen diese drei Modelle wie geplant im Laufe des Jahres 2021, steht Aprilia an vorderster Front mit attraktiven Midsize-Maschinen und könnte insbesondere den japanischen Herstellern eine lange Nase drehen.

In drei Testkriterien begeistert die neue RS 660: Motor, Ergonomie und Fahrwerk. Der Twin besitzt Manieren, lässt sich zivil bewegen, nimmt sauber Gas an, selbst die Seilzug-Kupplung funktioniert leichtgängig. Ein Gentleman, mit dem man bummeln kann. Doch sobald man den elektronischen Gasgriff aufreißt und die Drehzahl über 7.0000 U/min schnalzt, beginnt das zweite Leben der 660er. Dann stiebt sie ungestüm nach vorn.

Beim Rauf- und Runterschalten ist keine Kupplungshand vonnöten, Aprilia liefert den Quickshifter in Serie. Das funktioniert im kurvigen Geläuf einwandfrei, sogar wenn es in Haarnadelkurven zurück in den Ersten geht. Überhaupt fahren die Italiener das volle Elektronikprogramm auf: Kurven-ABS, Traktions- und Wheeliekontrolle, alle feinfühlig im glasklaren TFT-Cockpit einstellbar. Sogar das Motorbremsmoment kann man seinen Wünschen anpassen.

Auch die Ergonomie spricht für Aprilias neue Mitte. Die RS 660 ist nicht allzu hoch, selbst Kleingewachsene kommen mit ihren Füßen sicher auf den Boden und lange Kerls loben den Kniewinkel. Die Quadratur des Kreises? Ja, sozusagen. Der schmale Rahmen erlaubt es, die Fußrasten eng und tief anzubringen, ohne dass sie in Kurven schleifen. Oldschool wie in den 90er Jahren sind die halbhoch angebrachten Lenkerstummel. Ausgedehnte Tagestouren gelingen mit der RS 660 ohne Muskelkater. Soll ein Beifahrer mit, muss man den aufpreispflichtigen Soziussitz anstelle des schnittigen Solisten-Heckteils montieren. Was die RS trotzdem nicht in einen Tourendampfer verwandelt.

Beim Thema Fahrwerk glänzt Aprilia, wie es sich für 54 Weltmeistertitel ziemt. Es gibt nur wenige Motorräder, die auf Anhieb so viel Vertrauen vermitteln. Es ist der 660er ganz egal, welche Schwierigkeiten man ihr zumutet. Ob man sie durch Kreisverkehre prügelt, voll zusammenstaucht, über enge Passstraßen feuert - stets bleibt sie präzise und gelassen.

Auf Holperstrecken teilt das hintere Federbein aus, hier haben die Controller ihren Rotstift angesetzt und die Volleinstellung samt Umlenkung eingespart. Aber es ist nachvollziehbar, dass bei 10.700 Euro Kaufpreis nicht alle Teile exquisit sein können.

Aprilia verspricht, bis zur Serienauslieferung Ende Oktober einige Ungereimtheiten abzustellen. Die rechte Schwingenseite bekommt einen Schutz, damit der Fahrerstiefel nicht mehr reibt. Der Fernlichtschalter wird gekürzt, damit man ihn nicht mehr versehentlich betätigt, die Logos werden überlackiert. Wenig Aufmerksamkeit schenkt man Spiegeln (zeigen primär Fahrers Ellbogen), Hupe und Kupplungshebel; letzterer ist nicht einstellbar.

Doch das ist Jammern auf hohem Niveau, denn die praktischen Dinge überwiegen. Wie die fein einstellbaren Schalt- und Bremshebel, der leicht erreichbare Seitenständer oder der herrlich kleine Wendekreis. Und das geringe Gewicht von 183 Kilogramm begeistert.

Unterm Strich überzeugt die neue Aprilia RS 660. Als Kurvensuchgerät erster Güte mit charakterstarkem Motor hat sie in der Mittelklasse kaum Konkurrenz zu fürchten. Zusammen mit den kommenden zwei Geschwistern könnte Aprilia ein Verkaufshit gelingen.



Aprilia RS 660 - Technische Daten:

Motor:  Flüssigkeitsgekühlter Parallel-Zweizylinder-Viertaktmotor, 659 ccm Hubraum, vier Ventile pro Zylinder, DOHC, 74 kW/100 PS bei 10.500 U/min., 67 Nm bei 8.500 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kette

Fahrwerk: Aluminium-Brückenrahmen; 4,1 cm Upside-down-Telegabel (Kayaba) vorne, Zug- und Druckstufendämpfung sowie Vorspannung einstellbar, 12 cm Federweg; Aluminium-Zweiarmschwinge hinten, Gasdruck-Zentralfederbein, Vorspannung und Zugstufendämpfung einstellbar, 13 cm Federweg; Leichtmetallgussräder; Reifen vorne 120/70 ZR 17, hinten 180/55 ZR 17. 32 cm Doppelscheibenbremse vorne, 22 cm Einscheibenbremse hinten

Assistenzsysteme: Kurven-ABS, dyn. Traktionskontrolle, Wheeliekontrolle, Motorbremse, Tempomat, fünf Ridingmodes, Quickshifter

Maße, Gewichte und Verbrauch: Radstand 1,518 m, Sitzhöhe 82 cm, Gewicht fahrfertig 183 kg. Tankinhalt 15l; Normverbrauch 4,9 l/100 km

Farben: Schwarz, Gold, Rot-Blau

Preis: ab 10.700 Euro

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