5x: Britische Continuation-Modelle - Besser als damals

Retro-Design, Restomodding oder Restaurierung – auf dem Weg in eine unsichere Auto-Zukunft werfen viele den Blick gerne zurück. Aber keiner schaut dabei so gründlich wie die Briten. Denn die bauen berühmte Klassiker von einst einfach noch einmal – mit originaler Technik, aber mit modernen Werkzeugen und zeitgemäßer Qualität.  

55x: Britische Continuation-Modelle  - Besser als damals
Kein Film-Auto ist berühmter als James Bonds Aston Martin DB5 Foto: Max Earey

Die Technik fast 100 Jahre alt aber kaum einen Kilometer auf der Uhr und der Tag der ersten Zulassung im Sommer 2024 – wer zur ersten Ausfahrt in diesem Bentley Speed6 startet, der kann schon mal ein bisschen durcheinanderkommen. Doch daran sollten sich Petrolheads gewöhnen. Denn in Zeiten, in denen die Autobranche in eine ungewisse Zukunft steuert und sich Luxusmarken wie Bentley, Aston Martin oder Jaguar mit der Transformation besonders schwer tun, werfen sie den Blick gerne zurück. Und während die Volumenhersteller sich mit neuen Autos im Retrodesign wie dem neuen Renault R5 aus der Affäre ziehen oder Umrüster wie Singer mit Restomods Millionen machen, bauen die Briten einfach ihre berühmtesten Autos von einst noch einmal. 

Zwar mag dabei ein wenig das Zeitgefühl durcheinanderkommen und die Besitzer der alten Originale sind sicher „not amused“. Doch juristisch sei an den Nachbauten nichts auszusetzen, sagt Oldtimer-Spezialist Frank Wilke von Classic Analytics in Bochum: Denn erstens machen die Hersteller aus dem neuen Baujahr ja kein Geheimnis, zweitens haben sie anders als Fremdfirmen buchstäblich alles Recht zu solchen Nachbauten, und drittens bemühen sie sich um maximale Authentizität. Denn auch wenn sie die Werkzeuge von heute nutzen und aktuelle Qualitätsmaßstäbe anlegen, sind die Konstruktion und die Technik von gestern. Und das Fahrgefühl natürlich auch. Nur die Preise sind vergleichsweise gegenwärtig. Zwar gehen die originalen Originale wie etwa beim Bentley oft in den zweistelligen Millionenbereich, wenn die raren Renner denn überhaupt mal in den Handel kommen. Doch unter den, nun ja, Neuwagen zählen die Continuation Modelle meist zu den teuersten, die Jaguar, Aston Martin oder Bentley zu bieten haben. Während rasende Raritäten für Sammler plötzlich wieder greifbar werden, eröffnet sich für die Hersteller so ein neues Geschäftsfeld und das Durcheinander auf dem Zeitstrahl wird zur Win-Win-Situation. Kein Wunder, dass es immer mehr solcher Modelle gibt. Fünf Beispiele. 

Bentley Speed Six: Le Mans lässt grüßen
Er hat zweimal Le Mans gewonnen und selbst den legendären Blue Train abgehängt. Kein Bentley war erfolgreicher als der Speed Six. Das ist jetzt zwar bald 100 Jahre her, doch bei den Bentley Boys unvergessen. Deshalb lassen die Briten die Legende mit einer zwölf Exemplare starken Continuation-Series wieder aufleben. Damals wie heute fährt der offene Sportwagen mit einem 6,5 Liter großen Sechszylinder, der auf rund 200 PS kommt und bei ersten Testfahrten schon an den 200 km/h gekratzt hat. Vom Original wurden zwischen 1928 und 1930 gerade mal 182 Exemplare, von denen nur ein Bruchteil überlebt hat – und heute bei Auktion für mindestens eine bis zwei Millionen gehandelt wird. Billiger ist auch der Neubau nicht. Weil Bentley an jedem Auto rund zehn Monate arbeitet, stehen am Ende rund 1,5 Millionen Pfund auf der Rechnung. Die Kunden scheint das nicht zu stören und schon vor dem Start waren alle neuen Oldtimer verkauft.

Bentley Blower: Legendärer Looser 
Man muss kein Sieger sein, um zum Star zu werden. Kein Auto beweist das besser als der Blower, der als wohl berühmtester Bentley aller Zeiten selbst den Speed Six aussticht. Und das, obwohl er nie ein wichtiges Rennen gewonnen hat und auch in Le Mans durchgefallen ist. Doch er war nicht nur stark und schnell, sondern vor allem spektakulär. Denn dank des Kompressors („Blower“) hat der anfangs 170 PS starke Vierzylinder einen Lärm gemacht, dass den Zuschauern Hören und Sehen verging – und sich der gigantische Elefant auf Rädern auf ewig einen Ehrenplatz in der Automobilgeschichte gesichert hat. Den teilt er sich neuerdings mit zwölf originalgetreuen Nachbauten, die in den letzten vier Jahren entstanden sind und auf der stärksten Ausbaustufe mit 240 PS basieren. Auch sie haben– genau wie der Speed Six – rund 1,5 Millionen Pfund gekostet und waren vor dem Start ausverkauft. Doch war das für die Kunden sogar das bessere Geschäft. Denn obwohl der Blower streng genommen ein legendärer Looser ist, sind die alten Originale schnell mal doppelt so teuer. 

Jaguar XKSS: Brand-neu 
Was damals ein großes Unglück war, erweist sich heute als glückliche Fügung. Denn nur wegen eines Feuers im Lager wurden 9 von 25 Fahrgestellnummern für den Jaguar XKSS wieder frei – und dienen den Briten nun als Rechtfertigung für einen originalgetreuen Nachbau jenes legendären Oldtimers, mit dem Jaguar 1956 Kapital aus den drei aufeinander folgenden Siegen des D-Types beim 24 Stunden-Rennen von Le Mans schlagen wollte. Deshalb hatte Jaguar den Siegerwagen so weiterentwickelt, dass er eine Straßenzulassung erhalten konnte – zwar ohne die spektakuläre Heckfinne, aber mit dem gleichen atemberaubenden Design, und einem nicht minder ehrfurchtgebietenden Antrieb. Unter der wollüstig gewölbten Haube steckt damals wie heute ein 3,4 Liter großer Reihensechszylinder, der mit seine 262 PS mühelos auf jene 230 km/h kommen dürfte, mit denen Männer wie Steve McQueen seinerzeit durch Kalifornien gerast sind. Und mehr noch als bei den Bentleys ist der Preis für die „Recreation“ hier fast schon nebensächlich. Erstens, weil Jaguar beim Start des Projekts vor knapp zehn Jahren noch mit einer Million Pfund zufrieden war. Und zweitens, weil für die ersten 16 XKSS mittlerweile ein Wert von 30 Millionen Dollar geschätzt wird.

Jaguar C-Type: Nummer vier fährt
Nach dem D-Type, einem Lightweight E-Type und dem XKSS hat sich die Klassik-Truppe bei Jaguar auch des C-Types angenommen – schließlich war das der Rennwagen, mit dem die Briten 1951 das erste Mal in Le Mans gewonnen haben. Damals 53-mal gebaut und heute zwischen 5 und 10 Millionen Euro wert, schieben sie für 1,5 Millionen Pfund plus Steuern als viertes Modell ihrer Continuation Series gerade acht weitere Exemplare des radikalen Roadsters nach – und mussten dafür mehr recherchieren denn je zuvor: „Schließlich reden wir hier von Rennwagen, bei denen damals längst nicht jeder Entwicklungsschritt dokumentiert wurde“, sagt der Projektleiter, der für den Bau jedes Autos mit 10.000 Stunden kalkuliert. Das Ergebnis sind Rennwagen, die zwar Aussehen wie das Original, mit 3,4 Litern Hubraum und 240 PS die gleichen Spezifikationen haben und genauso funktionieren, die in der Regel aber deutlich besser sind. Nicht nur, weil die heutigen Produktionsmethoden einfach präziser sind, sondern auch weil das Classic-Team an manchen Stellen einfach das bessere Material genommen hat. „Schließlich sollen unsere Autos am besten Generationen überdauern und nicht wie damals einfach nur 24 Stunden lang halten.“

Aston Martin DB5: Leinwand statt Le Mans
Ja, Le Mans übt auf Petrolheads im allgemeinen eine ganz eigene Faszination aus und nirgends ist die so groß wie in Großbritannien. Doch das vielleicht berühmteste Continuation-Modell hat seinen Ruhm nicht in Le Mans erlangt, sondern auf der Leinwand. Denn kein Film-Auto ist berühmter als James Bonds Aston Martin DB5. Dumm nur, dass der erstens selten die Dreharbeiten überlebt hat und dass es den Sportwagen – zumindest in den Spezifikationen für 007 – nie zu kaufen gab. Jedenfalls nicht damals in den 1960ern. Heute dagegen baut Aston Martin den silbernen Klassiker aus Goldfinger & Co mit originalem Design und nur minimal modernisierter Technik nach. Und zwar nicht nur mit dem vier Liter großen Sechszylinder von knapp 300 PS, sondern auch mit viele der Gadgets, die Waffenmeister „Q“ für 007 eingebaut hat. So kann das „DB5 Goldfinger Continuation Car“, wie der Nachbau offiziell genannt wird, seine Verfolger mit Rauch und Feuer behindert, der Polizei mit elektrisch rotierenden Kennzeichen entwischen und den Vordermann mit den Attrappen von ausfahrbaren Maschinengewehren erschrecken. Innen bekommt der fabrikneue Oldtimer einen imitierten Radarbildschirm, ein altmodisches Autotelefon und eine zusätzliche Schalterkonsole zwischen den Sitzen. Sogar der Knopf für den Schleudersitz wurde im Schaltknauf integriert, selbst wenn man sich in diesem Auto nicht ganz so einfach seines Beifahrers entledigen kann. 

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