Mit 300 PS ins bergige Abseits - Cupra on Ice

Man muss nicht unbedingt 300 PS unter der Haube haben, um in den winterlichen bergen Spaß beim Autofahren zu haben. Aber es schadet auch nicht.

7Mit 300 PS ins bergige Abseits  - Cupra on Ice
Mit dem Cupra Ateca geht es den verschneiten Pass hinauf Foto: Cupra

Eigentlich hat ein 300-PS-Auto auf dickem Schnee und blankem Eis kaum etwas zu suchen. Erst recht nicht ohne Schneeketten auf einem im Winter meist gesperrten Gebirgspass. Heute ist die Schranke am Fuße des Flüela nahe Davos ausnahmsweise mal offen, wenn man denn in einem Cupra Ateca mit Passierschein sitzt. Eigentlich ist das kompakte SUV rein äußerlich ein braves Auto. Abgesehen natürlich vom Zweiliter-Vierzylinder, der 221 kW/300 PS auf alle vier Räder verteilt.Schon mal was von Cupra gehört? So nennt die spanische VW-Tochter Seat seit zwei Jahren ihre sportlichen Modelle. Der mit dem Seat-Logo so normale Ateca, eng mit dem VW Tiguan verwandt, ist jetzt auch als Cupra unterwegs, kratzt die 45.000-Euro-Marke und macht SUV-Fahren zum Sportereignis. Gut 10.000 Stück wurden letztes Jahr von dem Ballermann neu zugelassen. Jeder vierte Ateca trug somit das noch fremde Markenzeichen und ist mit eben jenen 300 PS unterwegs. Seat steht da nicht mehr drauf.Der Name der Marke ist Programm. ,,Cupra" ist abgeleitet vom lateinischen ,,Cupido" und ist eine der möglichen Übersetzungen für ,,Begierde". Eine weitere wäre ,,Libido" gewesen. Aber davor schreckten die Marketing-Profis dann wohl doch zurück. Also wartet der Ateca ganz zwar begierig, aber jugendfrei an der Schranke zum gesperrten Flüela-Pass kurz hinter dem Ortsschild von Davos. Hier war vor kurzem noch Greta Thunberg zu Gast, um den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft die Leviten zu lesen. Hinterm Lenkrad des heißesten Ateca ist die Schwedin heute nicht im Kopf. Eher schon Reinhold Messner. Schließlich soll der Cupra gleich zum Gipfelstürmer werden.Jordi Gene ist Rennfahrer. Jetzt gibt er vom rechten Sitz aus Tipps zum Umgang mit dem Drehrad in der Mittelkonsole des Ateca. Welche Einstellung passt am besten für den Aufstieg zum mit 2.383 Meter höchsten Punkt des Flüela? Es ist schon lange her, dass zum letzten Mal ein Räumfahrzeug eine Spur gezogen hat. Nur an wenigen Stellen schimmert der dunkle Asphalt durch das grelle Weiß. Der spanische Profi, jetzt in Seat-Diensten, rät folgerichtig zur Einstellung mit dem Schneeflocken-Symbol.Im Cupra übernimmt nach dem entschlossenen Tritt aufs rechte Pedal die Elektronik das Kommando, sucht immer nach dem Rad, das gerade im tiefen Schnee Tritt fasst. Anfangs wühlt sich der Fünftürer durch das Geläuf, schleudert weißen Staub gegen das Heck, findet aber schnell festen Halt. Je flotter es bergan geht, desto stabiler liegt der Cupra auf der verwehten Straße. Die schlängelt sich durch eine Kerbe zwischen den steinernen Giganten in Richtung Engadin hinauf. Gefragt ist Sanftheit auf dem Gas, am Lenkrad und auch der Bremse. Doch einmal in Fahrt frisst sich der Allradantrieb in die Schneespuren, in geraden Passagen sogar richtig stürmisch.Wenn da nicht die engen Serpentinen wären, in denen unter dem Schnee die grau-silbrige Gefahr lauert. Dank plattgefahrenem Scheitelpunkt hat die Sonne hier blankes Eis produziert, der natürliche Feind jedes Reifenprofils. Wenn sie nicht überfordert wird, findet die Elektronik auch an diesen Stellen die nötige Haftung, lässt den Ateca dabei immer wieder mit Heck nach außen pendeln. Frühes Gegenlenken ist ratsam, auch wenn die fleißigen Schweizer an kritischen Stellen Leitplanken vor dem Abgrund montiert haben. Doch deren Metall würde sich nicht mit der zarten Blechhülle des Cupra vertragen.Das letzte Stück bis zum Wendepunkt geht es geradeaus. Im Drehschalter tritt jetzt oder nie der Sportmodus in Aktion. Er verlagert die Kraft mehr in Richtung Hinterteil, sanfte Biegungen können durchdriftet werden. Wintersport mal anders, mit Schmackes bergauf, die Räder als Kufen. Am Ziel warten feste Gebäude, das größte ist das Flüela-Hospiz, in dem Reisende und Wanderer seit 1869 rasten oder übernachten können. Auf einem Schild an einem Nebenbau steht ,,Touristenlager". Die ganze Anlage ist nicht edel, sondern bietet vor allem ein festes Dach über dem Kopf, wurde zwei Jahre nach Fertigstellung des Passes eröffnet. Im Winter ist die natürlich geschlossen.Von nun an geht's bergab, weitere rund 13 Kilometer bis nach Susch im Engadin. Für den Cupra aber heißt es umdrehen, zurück in den Nobelort Davos, wo in angesagten Cafés der Cappuccino schon mal 10 Euro kosten kann. Der Profi empfiehlt mit Nachdruck die Wahl des Geländemodus. Denn talwärts werden gleich die rund 1.600 Kilo des Ateca in Aktion treten. Der Griff zum Drehrad bewirkt aber, dass der Spanier trotz des Gewichtes im Kreuz dank kluger Motorbremse in der Spur bleibt. Der alte Racer-Spruch ,,wer bremst, hat verloren" bekommt bei der Abfahrt vor allem in jenen vereisten Kurven eine neue Bedeutung.Beim unbedachten Bremsen nämlich verlieren die Vorderräder schnell den Halt, der Cupra kommt ins Rutschen, die Lenkung reagiert kaum noch. Dank der elektronisch geregelten Motorbremse und dem Verzicht aufs klassische Bremsen behalten sie ihre Wirkung. Nach dem Scheitelpunkt kann sogar wieder behutsam beschleunigt werden. Das Fazit der gezügelten Bobfahrt ins Tal: Rauf geht er deutlich schneller als runter. Jedenfalls für den Normalfahrer, dem die glatten Tücken des Berges viel Respekt einflössen. Die berufsmäßigen Schnellfahrer sehen das deutlich gelassener, düsen im Tiefflug nach Davos, driften quer ums Eis-Eck und nehmen dabei durch geschicktes Querstellen wohldosiert das Tempo aus dem Spiel, wenn´s denn zu rasant für nächste Biegung wäre.Diese Zeitgenossen haben aber auch gelehrt, was in keiner normalen Fahrschule gelehrt wird. Die tröstliche Erkenntnis für all die Normalos mit Führerschein: Ein modernes Auto, mit wieviel Power auch immer, kommt dank ausgeklügelt agierenden elektronischen Beifahrern auch im Winter und sogar auf Alpenpässen zurecht, wenn es in den Grenzen der Physik bleibt und sich nicht mit Sommerreifen ins Abenteuer stürzt.Cupra-Fans, die zur Freude von Seat immer mehr werden, müssen ihren Kraftprotz also nicht in der Garage überwintern lassen. Auch wenn der wahre Spaßfaktor sich erst ab dem Frühjahr einstellt, der Cupra Ateca wieder zum Auto mit den drei Gesichtern wird. Zum Familienauto auf der Tour zur Erbtante, als Lastesel nach dem Großeinkauf im Baumarkt oder als Rivale der Rennbahn, aber bitte möglichst auf abgesperrten Pisten.

Cupra Ateca - Technische Daten:Fünftüriges Sport-SUV mit fünf Sitzen Länge: 4,38 Meter, Breite: 1,84 Meter (Breite mit Außenspiegeln: 2,09 Meter), Höhe: 1,62 Meter, Radstand: 2,63 Meter, Kofferraumvolumen: 485 - 1579 LiterZweiliter-Turbo-Benziner mit vier Zylindern; 221 kW/300 PS, maximales Drehmoment: 400 Nm bei 2.000 - 5.200 U/min, Allradantrieb, Siebengang-Doppelkupplung, 0-100 km/h: 5,2 s, Vmax: 247 km/h, Normverbrauch nach WLTP: 8,7 Liter/100 Kilometer, CO2-Ausstoß: 200 g/km, Abgasnorm: Euro 6d-temp, Effizienzklasse: D, Preis: ab  44.140 Euro

auch in NEWS

Anzeige

Videos