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Nach dem Katastrophenjahr jetzt das Jahr der Bestrafer oder der Umdenker?

9Nach dem Katastrophenjahr jetzt das Jahr der Bestrafer oder der Umdenker?
Jens Meiners. Foto: Auto-Medienportal.Net/Jens Meiners

Ein Katastrophenjahr für die Autobranche geht zu Ende. Vorstände im Gefängnis, Stickoxid- und CO2-Extremvorgaben, zusammengestrichene Modellpaletten: Politik und Gerichte ziehen der deutschen Leitindustrie den Boden unter den Füßen hinweg. Nach einem bitteren 2018 könnte 2019 zu einem entscheidenden Jahr für die Industrie werden.

Eigentlich gäbe es Grund zu Optimismus: Es gibt eine Reihe hochkarätiger Markteinführungen bei den deutschen Herstellern. Der Volkswagen Golf, eines der erfolgreichsten Autos aller Zeiten, geht in die achte Modellgeneration. Nahezu zeitgleich bringt Audi den nächsten A3 auf den Markt.

Früher hätte die Einführung eines neuen Golf alle anderen VW-Neuvorstellungen des Jahres überschattet. Doch 2019 soll in Wolfsburg das Jahr der E-Mobilität werden: Die Sub-Marke ID. geht an den Start. Sie dürfte den VW-Stand auf der Frankfurter IAA dominieren, während der Golf sich vornehm zurückhält.

Das Geld geht in die E-Mobilität

VW investiert enorme Summen in die Perfektionierung seines elektrischen Prototyps ID. R. Die Rekordfahrt am Pikes Peak in Colorado war nur der Auftakt; es sollen weitere Rekorde gebrochen werden. Die Rede ist von achtstelligen Investitionen. Die Erwartungshaltung, die durch solche Rekordautos bei potentiellen Käufern von Elektroautos hervorgerufen wird, könnte nicht größer sein. Gleiches gilt wohl auch für die Enttäuschung, wenn der Wow-Effekt beim Tritt auf das Fahrpedal im eigenen Elektroauto dann ausbleibt.

Audi A1

Mit welch spitzem Stift man im Konzern inzwischen rechnet, wenn es um konventionelle Autos geht, beweist der neue Audi A1: Im Vergleich zum Vorgänger verliert er seine Dieseloption, es gibt keinen Dreitürer mehr, die Allrad-Variante S1 ist verschwunden; nicht einmal für ein Schiebe- oder Panoramadach reichte das Budget.

Statt dessen hofft man auch in Ingolstadt auf Elektroautos. 2019 kommt der Crossover-SUV e-Tron auf den Markt - nach einer beispiellosen Einführungskampagne mit mehreren Fotoshootings, Mitfahr- und Fahrgelegenheiten und einer gewaltigen Launch-Party, die auf Geheiß von Audi-Chef Abraham Schot in der Spätphase der Vorbereitungen von Brüssel nach San Francisco verlegt wurde.

Porsche steckt in den Viertürer Taycan so viel Geld, dass die reguläre Palette - beispielsweise der neue 911 - beinahe zur Fußnote zu verkommen droht. Aus dem lukrativen und bei den Kunden beliebten Diesel-Segment hat man sich verabschiedet, nicht ohne den Selbstzünder durch verbale Distanzierungen nachhaltig zu beschädigen.

Und so nimmt das Diesel-Bashing aus dem VW-Konzern - hoffentlich nur vorübergehend - Formen an, die man bisher eher mit Persönlichkeiten wie Jürgen Resch von der Umwelthilfe oder Hakan Samuelsson von Volvo in Verbindung gebracht hat.

Der Verbrenner verschwindet nicht

Bei BMW und Mercedes-Benz wird das Thema differenzierter dargestellt. BMW lanciert die Serienversion des elektrifizierten X3, doch es gibt auch einen neuen 3er und einen X5; man legt Wert darauf, beim Diesel sauber gearbeitet zu haben. Den Selbstzünder lassen sich die Münchner nicht schlechtreden - zu recht, wie Fahreindrücke mit den sensationellen Reihen-Sechszylindern der Marke belegen.

Mercedes-Benz EQC 400

Auch Daimler sieht sich gerüstet für eine Zukunft, die alle Antriebsformen umfasst. Der politisch eingeforderten E-Mobilität trägt man mit dem neuen EQC und einer Reihe weiterer Elektroautos Rechnung. Eindrucksvoller sind hingegen die neuen Reihen-Sechszylinder mit 48-Volt-Hybridisierung - einer Form der Hybridisierung, die mehr Sinn ergibt als alle Hochvolt-Plug-In-Systeme mit ihren zentnerschweren Akku-Modulen, die nur in der Theorie an die Steckdose gehängt werden.

Übrigens bekommt auch die Submarke Mercedes-Maybach Zuwachs, und zwar in Form eines SUV auf Basis der nächsten Generation des Mercedes-Benz GLS. Wer weiß, ob Maybach noch die Verkaufszahlen der Marke Smart überflügelt: Den Schritt von Smart zur reinen Elektromarke werden viele Kunden nicht mitmachen. Es ist schade: Das intelligenteste Stadtauto, das es gibt, wird jetzt viel teurer und kann viel weniger.

Tesla und die kommende "Öl-Verschwörung"

Unterdessen steht die Zukunft der Elektromarke Tesla, die von deutschen Politikern als glanzvolles Vorbild angepriesen wird und der so mancher deutsche Manager ehrfürchtig Reverenz erweist, auf Messers Schneide. Die Limousine Model S ist alt geworden, der bizarre Model X bleibt ein teures Nischenprodukt - und die kompakte Limousine Model 3, die Tesla in den Massenmarkt katapultieren sollte, leidet unter massiven Qualitätsproblemen. Die Buchführung des Unternehmens ist kreativ. Auf den europäischen Märkten ist der Model 3 noch gar nicht angelaufen, während die Nachfrage in den USA bereits bröckelt. Wenn Tesla stürzt, darf man sich auf monumentale Verschwörungstheorien gefasst machen.

Unsicherheit in China

Unsicher ist auch die Zukunft der chinesischen Hersteller. Bei Faraday Future etwa gehen gerade die Lichter aus. Bevor die Chinesen in Europa angreifen, besitzt der Heimatmarkt ohnehin oberste Priorität. Und dort mehren sich die Anzeichen, dass die Regierung den momentan schwachen Absatz um jeden Preis ankurbeln will - ob mit Elektroautos oder nicht.

Showdown in den USA

Der angeblich unaufhaltsame Trend zum Elektroauto hat auch in den USA empfindliche Dämpfer erhalten. Die Trump-Regierung zeigt wenig Interesse an der Thematik, neue Subventionen wird es erst einmal nicht geben. Man darf sich auf einen Showdown zwischen der nationalen EPA-Behörde und der verbrennerfeindlichen CARB-Agentur in Kalifornien gefasst machen.

Kräftemessen in Europa

Auch in Europa wird 2019 das Jahr des Kräftemessens. Zwar sind die Kunden verunsichert, weil sie nicht wissen, ob ihnen der Betrieb der - längst extrem sauberen - Benziner und Diesel demnächst verboten wird. Doch es ist auch noch nicht klar, ob sie sich deshalb bereitwillig in das Experiment Elektroauto stürzen. Dabei ist die Wahrnehmung der strombetriebenen Autos noch erheblich rosiger ist als die Realität. Dass die Mobilität mit ihnen viel teurer wird, dass sich längere Strecken nur mit viel höherem Zeitaufwand bewältigen lassen und dass die Ladeinfrastruktur auf absehbare Zeit völlig unzureichend ist, wird sich 2019 wohl zunehmend herumsprechen.

Eine Korrektur ist nötig

Dass diese Zumutungen in Kauf genommen werden sollen, ohne dass irgendein tatsächliches Umweltproblem gelöst wird und dass die Elektromobilität sich zunehmend selbst als Umweltproblem entpuppt, birgt erheblichen politischen Sprengstoff. 2019 könnten wir auch erleben, dass die Politik gesichtswahrende Auswege aus einer selbsterzeugten Katastrophe zu suchen beginnt.

Doch eigentlich bedarf es eines großen Wurfs, der auch gesetzliche Vorgaben umfasst, mit denen eine unkontrolliert agierende Justiz eingefangen werden kann. Derzeit setzt die Rechtsprechung ungehindert um, was radikale Autofeinde seit langem fordern - wie beispielsweise die vom Staat über viele Jahre mit Subventionen gewässerte und liebevoll aufgezogene Umwelthilfe. Da werden großzügig Fahrverbote verhängt, ohne dass falsch ermittelte Messwerte in Frage gestellt werden; Staatsanwaltschaften und Richter erliegen dem Reiz, ins Räderwerk der Mobilität und des Wirtschaftssystems eingreifen zu können und können sich dabei auf das Gesetz berufen.

Das Jahr der Bestrafer

Und so dürfte 2019 auch das Jahr der Bestrafer werden: Die Justiz wird so manchen Ex-Vorstand nach Strich und Faden vorführen und erniedrigen, unter dem Beifall von Teilen der Politik und der Qualitätspresse. Nachdem man schon im Vorfeld nicht einmal vor Inhaftierungen zurückschreckte, dürften die ,,Dieselprozesse" den Charakter eines französischen Revolutionstribunals erhalten.

Unklar ist derzeit, wie sich die anderen europäischen Länder verhalten, welche Verschärfungen oder auch Erleichterungen der EU-Bürokratie noch entströmen. Denn die Schadenfreude über die strauchelnde deutsche Industrie könnte noch der Bestürzung weichen. Ob es 2019 gelingt, die vielen falsch gestellten Weichen zu korrigieren, ist für die Zukunft der Branche entscheidend. (ampnet/GTspirit.de)

Der Artikel "Nach dem Katastrophenjahr jetzt das Jahr der Bestrafer oder der Umdenker?" wurde in der Rubrik UMWELT mit dem Keywords "Ausblick, 2019, Automobilindustrie, weltweit" von "Jens Meiners, cen/ampnet" am 3. Januar 2019 veröffentlicht.

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