Test: Pedelec My Boo My Volta - Smalltalk-Provokateur

Bambusräder sind eine in Deutschland äußerst seltene Spezies. Entsprechend kann man mit ihnen viel Aufmerksamkeit erregen. Vor allem, wenn das individuelle Edel-Bike noch von einen Elektromotor angetrieben wird.

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Rund 4.000 Euro kostet das weltweit erste Mittelmotor-Pedelec mit Bambus-Rahmen Foto: SP-X/Max Friedhoff

Bambusfahrrad klingt irgendwie nach neu und innovativ. Tatsächlich wurde der natürliche und stabile Werkstoff bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder zum Bau von Fahrradrahmen verwendet. Die Firma My Boo hat sich auf diesen exotischen Werkstoff zurückbesonnen und bietet seit einigen Jahren Fahrräder mit solide wirkenden, aus eindrucksvoll dicken Bambusrohren gefertigten Rahmen. Als Besonderheit ist seit 2017 auch eine Pedelec-Variante namens My Volta im Angebot, die nicht etwa auf eine einfache Frontnabenmotor-Lösung, sondern auf einen im Rahmen integrierten Mittelmotor setzt. Diese fraglos spannende Kombination zeigt im Praxiseinsatz allerdings leichte Schwächen.
 
Vor allem optisch kann das My Volta Eindruck schinden. Die Rohre des erfreulich sauber verarbeiteten Rahmens fallen mit ihrem großen Durchmesser und einem natürlich wirkenden Braunton unweigerlich ins Auge. Ein wenig wie geschwollene Gelenke wirken allerdings die wulstigen Verbindungsstücke der Rahmenstangen, die aus vielen mit Epoxidharz verstärkten Faserschichten aufgebaut und dann im Tube-to-tube-Verfahren mit den Rahmenrohren verklebt werden. In rund 80 Stunden Handarbeit entstehen diese Rahmen in Ghana. Kontaktfreudige Zeitgenossen werden am Volta jedenfalls ihre Freude haben, denn regelmäßig wird man auf die ungewöhnliche Rahmenkonstruktion hin angesprochen. Und viele Neugierige staunen, wenn man beim Smalltalk erzählt, dass hier Bambus verwendet wurde.
 
Vom braunen Rahmen setzt sich der schwarze Shimano-Mittelmotor der E6000-Steps-Serie optisch deutlich ab. Das Aggregat ist mit einer speziellen Aufnahme aus Metall verschraubt, die wiederum im Schenkeldreieck eine solide Verbindung mit den Bambusrohen eingeht. Das sieht, trotz eines gewissen Bastelbuden-Charmes, durchaus vertrauenserweckend aus. Bei den restlichen Anbauteilen setzt das Volta ohnehin auf weitgehend hochwertige Komponenten. Für den Alltagseinsatz ist das Tourenrad mit hydraulischen Scheibenbremsen, Schutzblechen (auch aus Bambus), Federgabel, LED-Leuchten, Seitenständer und Gepäckträger bestens gerüstet. Letzterer beherbergt in einer Zwischenetage den 416-Wh-Akku, der, abhängig vom Grad der Unterstützung, eine Reichweite von über 100 Kilometer ermöglicht.
 
Der Shimano-Antrieb bietet drei Unterstützungsmodi, die man einfach per Tastendruck am Lenker anwählt. In der Regel fährt man in der höchsten Stufe, mit der sich das Volta besonders mühelos fahren lässt. Im Wesentlichen verrichtet der 50 Newtonmeter starke 250-Watt-Motor seine Arbeit angenehm harmonisch und unauffällig, allerdings surrt die E-Maschine in etwas aufdringlicher Weise, wenn der Fahrer durch Pedalarbeit Leistung anfordert. Viele andere Pedelec-Antriebe arbeiten leiser. Auf der Ebene kommt man jedenfalls gut und flott mit dem Volta voran, wer etwas Muskelkraft einsetzt, kann die Geschwindigkeitsanzeige im Digitaltacho zwischenzeitlich auch mal über die 25-km/h-Marke treiben. Bergauf muss man hingegen ein paar Gänge in der Achtgang-Nabenschaltung (Nexus) runterschalten und kräftiger treten - selbst dann wird man bei voller Motorunterstützung Tempo verlieren.
 
Dank der Federgabel ist das Volta recht komfortabel, auch der Sattel ist gefedert, was allerdings für ein gelegentlich irritierendes Auf und Ab sorgt. Ebenfalls etwas irritierend sind ein etwas unharmonisches Einlenkverhalten und der leider nicht gänzlich verwindungssteife Rahmen. Obwohl die Konstruktion optisch einen supersteifen Eindruck macht, kommt während der Fahrt doch gelegentlich etwas Unruhe in den Unterbau. Freihändiges Fahren geht mit dem Bambus-Bike jedenfalls nicht. Ansonsten ist das Volta ein aber durchaus angenehmes und alltagstaugliches Tourenrad. Auch bei Regen, der dem wasserabweisenden Rahmen nichts anzuhaben scheint.
 
Angesichts gewisser Detailschwächen sind die 4.000 Euro, die My Boo für das My Volta verlangt, allerdings ein stolzer Preis. Für deutlich weniger Geld gibt es ausgewogenere Pedelec-Modelle am Markt, die unter anderem dank steifer Metallrahmen einen zudem harmonischeren Fahreindruck hinterlassen. Insofern ist das Bambus-E-Bike vor allem für diejenigen interessant, die ein außergewöhnliches Fahrrad suchen. Mit dem Rahmen erregt man jedenfalls viel Aufmerksamkeit. Dabei sind die spontanen Gespräche über das Rad von vorneherein positiv aufgeladen. Die Leute erfreuen sich offenbar am Öko-Image, den dieses besonders individuelle Fahrrad unweigerlich ausstrahlt.
 
 

Der Artikel "Test: Pedelec My Boo My Volta - Smalltalk-Provokateur" wurde in der Rubrik FAHRRAD mit dem Keywords "Test: Pedelec My Boo My Volta" von "Mario Hommen/SP-X" am 1. Oktober 2017 veröffentlicht.

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