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Kommentar: Das Sommerloch ist auch nicht mehr das, was es mal war

Kommentar: Das Sommerloch ist auch nicht mehr das, was es mal war
Hans-Robert Richarz. Foto: Auto-Medienportal.Net

Erinnern wir uns an die gute alte Zeit. Da sprang das Ungeheuer von Loch Ness hilfreich ein, wenn Zeitungsseiten gefüllt werden mussten, die ansonsten mangels ergiebiger Neuigkeiten weiß geblieben wären. Funk und Fernsehen berichteten von Krokodilen in deutschen Badeseen oder stellten Mutmaßungen über einen Wels in einem Mönchengladbacher Parkteich an, der angeblich einen Dackel gefressen hatte. Sommerloch hieß das damals. Manche Journalisten widmeten aus lauter Verzweiflung sogar dem gleichnamigen und ziemlich langweiligen Dorf in der Nähe von Bad Kreuznach ausführliche Portraits. An die Stelle von Nessie aus Schottland, einem Krokodil namens Sammy oder dem Killerwels Bruno sind im Jahr 2017 das Automobil und die Industrie, die es produziert, getreten.

Da arbeitet mit der verbissenen Unerschütterlichkeit eines islamistischen Gotteskriegers ein selbsternannter Umweltschützer an der Endlösung der Dieselfrage. Da unterbieten sich Politiker hier zu Lande und anderswo in Europa mit den Datumsgrenzen, zu denen sie Produktion oder zumindest Zulassung von Autos verbieten wollen, die ein Verbrennungsmotor antreibt. Ganz so, als hätte der Rest der bewohnten Welt mit Abgasen, Feinstaub und der Klimaerwärmung kein Problem. Da wird die Elektromobilität trotz zahlreicher ungelöster Öko-Probleme als absoluter Heilsbringer in den Himmel gehoben.

Doch weil das wohl alles nicht reichte, um schlagzeilenträchtig bis zum Herbst zu übersommern, werden nun Kartellvorwürfe gegenüber allen deutschstämmigen Automobilkonzernen - Ford und Opel sind da außen vor - an das Tageslicht gezerrt. Damit nicht genug. Angeblich stecken sämtliche Vorstandsmitglieder der Automarken des Volkswagen-Konzerns zusammen mit ihren Kollegen von Porsche, Mercedes und BMW als kriminelle Vereinigung unter einer Decke. Zwar ist noch nichts bewiesen - egal. Absprachen über das Volumen von Adblue-Tanks? Noch vor Jahresfrist stellte das Fachblatt ,,Auto, Motor & Sport" verblüfft fest: ,,Größen der Harnstofftanks variieren überraschend stark." Wenn die Reinigungsflüssigkeit Adblue, ohne die nicht jeder Dieselmotor die Euro-6-Abgasnorm erfüllen kann, zur Neige geht, blinken unaufhörlich Warnlichter auf der Armaturentafel, und meist bleibt der Wagen stehen. Warum also das Geschrei?

Ob indes der Austausch von neuen Entwicklungen oder Erkenntnissen zum technischen Fortschritt geradewegs zu Strafzahlungen in Milliardenhöhe oder gar zum Gang in den Knast führt, dürfte juristisch schwer zu beweisen sein. Schließlich findet so etwas Jahr für Jahr auf Hunderten von Kongressen und Fachtagungen statt, wo sich Ingenieure und andere Fachleute austauschen.

Nichtsdestotrotz faseln Experten in Funk und Fernsehen genüsslich von möglichen Strafen durch Kartellbehörden und EU-Kommission in Höhe von bis zu 50 Milliarden Euro und sehen weiteres Unheil. Einige Parteien stoßen ins gleiche Horn, schließlich ist ja Wahlkampf. Dass sie dabei innerhalb von nur 24 Stunden dafür gesorgt haben, dass an der Börse rund vier Milliarden Euro an Aktienwert den Bach runter gingen, dass potenzielle Autokäufer verunsichert werden und die Mitarbeiter der Automobilindustrie auf dem Höhepunkt des wirtschaftlichen Booms in Deutschland beginnen, sich Sorgen um ihre Arbeitsplatze zu machen, betrachten sie wohl nur als Kollateralschaden. Hauptsache, das Sommerloch ist gestopft.

Ich wünsche mir die guten alten Zeiten mit dem Ungeheuer von Loch Ness zurück. (ampnet/hrr)

Der Artikel "Kommentar: Das Sommerloch ist auch nicht mehr das, was es mal war" wurde in der Rubrik UMWELT mit dem Keywords "Adblue, Kartell" von "Hans-Robert Richarz/ampnet" am 25. Juli 2017 veröffentlicht.

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