Fahrbericht

BMW G 310 R: Wenn weniger deutlich mehr ist

Die kleinste BMW seit 1966, die neue G 310 R, wird mit 0,3-Liter-Hubraum und ungewöhnlichen technischen Details zum fairen Preis von 4.750 Euro kräftig im Markt der Klein-Motorräder wildern.

8BMW G 310 R: Wenn weniger deutlich mehr ist
mid Los Angeles - Vor dem weltberühmten Hollywood Sign macht die G 310 R einen modern gestylten Eindruck. Ralf Schütze/mid

Kurz nach ihrer Weltpremiere legt die kleinste BMW seit Jahrzehnten, die neue G 310 R, einen souveränen Auftritt in der Welthauptstadt der Mobilität hin: In Los Angeles, wo die Menschen im Durchschnitt 81 Stunden pro Jahr im Stau stehen. Hier zwischen Malibu im Norden und Long Beach im Süden ist das zierliche 0,3-Liter-Einzylinder-Bike mehr als irgendwo in seinem Stammrevier und wird wohl künftig stark im Markt der kleinen Motorräder wildern. Mit ungewöhnlichen technischen Details legt die kleinste BMW einen insgesamt extrem überraschenden und ebenso überzeugenden Auftritt hin - und das zum fairen Preis von 4.750 Euro.

"Mit der neuen G 310 R fischen wir jetzt in einem viel größeren Teich". Stephan Schaller, Leiter BMW Motorrad, ist nicht etwa bekannt als Hobbyangler, doch seine Metapher vom größeren Teich ist extrem anschaulich. Sie vermittelt das, was beim näheren Hinsehen nackte Zahlen nachvollziehbar ausdrücken: Bisher war BMW im Segment der Premium-Motorräder mit über 500 Kubikzentimeter Hubraum zwar erfolgreich unterwegs. Allerdings ist dies ein weltweiter Markt von insgesamt nur 865.000 Maschinen pro Jahr. Wachstum ist hier selbst mit extrem guter Performance nur sehr begrenzt zu erreichen.

Jetzt dagegen stößt BMW mit der kleinen G 310 R in völlig neue Segmente unterhalb von 0,5 Liter Volumen vor, wo die Stückzahlen bei zwei bis drei Millionen Bikes pro Jahr liegen. Märkte wie vor allem Asien und Südamerika versprechen bisher nicht gekannte Zuwachsraten für die deutsche Motorradmarke. Und die Perspektiven für weitere Produkte dieser Klasse sind verlockend, denn der weltweite Gesamtmarkt für motorisierte Zweiräder inklusive Leichtkrafträder, Roller und Pedelecs beträgt jährlich 114 Mio. Stück - bisher war BMW also nur in weniger als einem Prozent des Zweirad-Weltmarktes aktiv.

Nach historischen Vorbildern wie R 39 oder R 25 ist die G 310 R die kleinste BMW seit 1966. Mit ihren nur 313 Kubikzentimeter Hubraum aus einem einzigen Zylinder überrascht sie bei ersten Testfahrten durch und um Los Angeles auf ganzer Länge: Der nur 25 kW (34 PS) starke Motor fühlt sich abgesehen von einer leichten Anfahrschwäche extrem quirlig an, sobald man ihm genügend Drehzahl gönnt. Das Fahrwerk erweist sich als angenehm neutral, selbst bei äußerst forscher Fahrweise auf dem herrlich kurvenreichen Mullholland Highway oberhalb von Beverly Hills. Auch die Verarbeitung überzeugt in jeder Hinsicht, obwohl die G 310 R bei BMWs indischem Kooperationspartner TVS in Bangalore entsteht.

Doch die bayerischen Bike-Spezialisten haben es offenbar in jahrelanger Vorbereitung geschafft, eine Herstellung auf ihrem Qualitätsniveau zu sichern, wie hochwertige Materialien und saubere Schweißnähte an den ersten Serienexemplaren beweisen. Dazu kommt reichhaltige Ausstattung unter anderem samt Zweikanal-ABS, Upside-Down-Gabel und Ganganzeige. All das bietet BMW seit Oktober zum Preis von 4.750 Euro an. Damit liegt die Drei Zehner unter der magischen 5.000er-Marke und unterbietet direkte Rivalen wie die Kawasaki Z 300 (5.195 Euro) deutlich.

Los Angeles und Umgebung bietet die idealen Voraussetzungen, um die angeblich hohe Vielseitigkeit der zierlichen BMW G 310 R zu testen: Erstens das Großstadtgewühl mit überfüllten, mehrspurigen Stadtstraßen wie Sunset oder Hollywood Boulevard. Zwischen diesen beiden stark befahrenen Verkehrsadern Hollywoods startet in der Selma Avenue 6500 die Testfahrt vor dem "Mama Shelter". Das Konzept-Hotel passt ideal zur G 310 R: "Außergewöhnlich und erschwinglich" heißt das Motto der Hotel-Kette mit relativ günstigen Designhotels in zentraler Lage weltweit, und ebenso stellt sich die kleine BMW dar mit ihren ungewöhnlichen technischen Lösungen zum kleinen Preis. Zweitens bietet der Raum Los Angeles dicht befahrene Freeways und drittens selektive Landstraßen.

Besonders auf der bergigen und kurvigen Landstraße erlaubt das Fahrwerk der G 310 R im Zusammenspiel mit der Michelin Pilot Road-Serienbereifung überraschend große Schräglagen, und der Motor überzeugt mit feurigem Temperament und ausgeprägter Drehfreude. Zwar entwickeln sich die 25 kW/34 PS Spitzenleistung erst bei 9.500/min, und maximal 28 Nm Drehmoment liegen erst bei 7.500/min an. Doch hängt der Einzylinder quicklebendig am Gas, wenn man ihm nur genügend Drehzahl gönnt. Die oberen beiden Stufen des Sechsgang-Getriebes scheinen etwas kurz übersetzt, so dass der Motor im 6. Gang bereits bei 80 km/h stolze 5.000/min dreht. Schade: Recht oft lässt sich im Stand der Leerlauf erst nach mehrmaligen Versuchen zwischen 1. und 2. Gang einlegen. Doch beides verzeiht man der kleinen BMW ebenso wie die leichte Anfahrschwäche, an die man sich mit entsprechendem Gaseinsatz und besonders gefühlvoller Kupplungsbedienung schnell gewöhnt.

Nach der Losfahrt in der Selma Avenue in Hollywood wieseln wir auf unserer Testfahrt mit der G 310 R zunächst flink durch den dichten Stadtverkehr. Hier kommt das relativ niedrige Leergewicht von knapp 159 Kilogramm ebenso zum Tragen, wie die schmale Silhouette des Einzylinder-Bikes. Auf den fast immer stark befahrenen bis sich stauenden Freeways, die sich wie ständig pulsierende Adern durch Los Angeles ziehen, kommt man mit der zierlichen Drei Zehner sehr gut voran. In Kalifornien ist für Motorräder seit 2016 das sogenannte "splitting lanes" erlaubt: Zwischen den langsam kriechenden bis stehenden Fahrspuren der Freeways auf der Linie entlang zu fahren. Einheimische Biker zelebrieren dies genüsslich und gewinnen so innerhalb von Minuten meilenweiten Vorsprung vor Autos, die im Stop-And-Go-Verkehr hängen. Dabei fühlt sich die G 310 R besonders gut an mit ihrer schmalen Bauweise und - wenn doch mal ein Auto leicht ausschert - kräftig und dennoch gut dosierbar zupackenden Bremsen.

Über alle Einsatzgebiete wie Stadtverkehr, Freeways und Landstraßen hinweg schluckt der Eintopf nie deutlich mehr als 4,0 Liter je 100 Kilometer. Im Normalfall landet er bei niedrigen 3,2 Liter Verbrauch, was selbst mit dem 11-Liter-Tank nahezu 350 Kilometer Reichweite bedeutet. Der Single-Motor ist eine außergewöhnliche Konstruktion: Sein Zylinder ist um 180 Grad nach hinten gedreht und außerdem nach hinten geneigt. Deshalb liegt der Ansaugtrakt vorn, der Auspuff hinten. Das bringt sehr geradlinige und somit hocheffiziente Wege für Frischgas und Abgas. Außerdem ist die exotische Bauweise sehr platzsparend. Erst der zierliche Motor macht eine fürs Fahrverhalten günstige, lange Hinterradschwinge möglich, obwohl der Radstand zwischen Vorder- und Hinterachse mit nur 1,37 m extrem kurz ist und somit die Agilität fördert. Zusammen mit hochwertigen Komponenten wie einer Upside-down-Gabel vorn bringen diese Eigenschaften ein insgesamt tadelloses Fahrverhalten.

Mit der G 310 R betritt BMW Neuland, zeigt sich dabei aber sehr trittsicher. In Amerika zumindest startete das Kleinmotorrad fulminant. Die Händler bestellten das neue Einstiegsmodell, als gäbe es kein Morgen.

Ralf Schütze/mid

Technische Daten BMW G 310 R
Roadster mit flüssigkeitsgekühltem Einzylinder-Viertakt-Motor, Hubraum: 313 ccm, max. Leistung: 25 kW/34 PS bei 9.500/min, max. Drehmoment: 28 Nm bei 7.500/min, klauengeschaltetes Sechsgang-Getriebe, Kette, Stahlrohrrahmen in Gitterbauweise, vorn Upside-down-Telegabel 41 mm, hinten Aluminiumschwinge mit direkt angelenktem Federbein, vorn Einscheibenbremse 300 mm, hinten Einscheibenbremse 240 mm, BMW Motorrad ABS, Reifen vorn: 110/70 ZR17, hinten: 150/60 ZR17, Sitzhöhe: 785 mm, Tankinhalt: 11 l, Leergewicht: 158,5 kg, zul. Gesamtgewicht: 345 kg, Höchstgeschwindigkeit: 143 km/h, Kraftstoffverbrauch (WMTC): 3,33 l/100 km, Preis: 4.750 Euro.

Der Artikel "BMW G 310 R: Wenn weniger deutlich mehr ist" wurde in der Rubrik MOTORRAD mit dem Keywords "Fahrbericht, Motorrad, Design, Technik" von "Ralf Schütze" am 19. Dezember 2016 veröffentlicht.

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